"Liebe macht manchmal blind"

Das unverbindliche Techtelmechtel, genannt Flirten, kann leider auch sehr unangenehme Folgen nach sich ziehen, nämlich in Form von unsäglich großem seelischen Leid. Ich meine die Fälle, wenn sich Menschen aus vermeintlich vernünftigen(?) Gründen zu einer Zweierbeziehung entschließen, die im Nachhinein aber nur zeigt, dass man es besser gelassen hätte. So darf man denn aufrichtig und realistisch feststellen: Oft finden sich Partner, die bereits nach der ersten Phase der Paarbeziehung, dem Honeymoon, den grausamen, allseits bekannten Rosenkrieg gegeneinander ausfechten. Davon werden Menschen, wie z.B. die Tiefenpsychologie nachweist, erst geistig, dann körperlich krank; psychosomatische Beschwerden halten Einzug.

Der verheißende Anfang einer Zweierbeziehung ist sicherlich das emotional Hinreißendste, was diese Welt zu bieten hat, aber selbst das garantiert schlechterdings – alle Frischverliebten mögen es mir nachsehen – für nichts. Die beispielsweise oben genannten, nicht innerlich harmonierenden Individuen merken nämlich erst nach dem gewaltigen Aufschwung zu Wolke 7, dass sie womöglich nichts charakterlich verbindet; was ja eine Grundvoraussetzung für Zweisamkeit ist. Wie geraten dann zahlreiche, sich charakterlich eigentlich abstoßende Singles zusammen? Ganz einfach: wegen der irrationalen große Macht zwischen den Geschlechtern. Nennen wir sie als Realisten ganz unromantisch – erotische Anziehung. Diese Macht also verwischt beim Süßholzraspeln und dem darauffolgenden Annäherungsprozess zweier Individuen die unüberwindbare Unterschiedlichkeit und sogar den Egoismus der Charaktere. Andersartigkeiten werden nicht wahrgenommen oder, falls doch, als nicht störend oder sogar als liebenswürdig (unbewusst) interpretiert. Ziehen sich zwei Menschen gegenseitig an, dann spielen sich die wesentlichen Prozesse auf der unbewussten Ebene ab. »Liebe macht blind.« Daher ist eine Brise emotionaler Abstand verbunden mit Bewusstsein nie verkehrt. Wer will schon das böse Erwachen? Keiner, die wenigsten von uns sind Masochisten. Wir müssen uns ferner bewusstmachen, dass, obwohl wir das gerne hätten, die Liebe nicht einfach ist und eine Partnerschaft unbedingt u.a. viel Arbeit am eigenen Ich mit sich bringt. Die romantische und ewige Liebe, die uns in diversen Medien suggeriert wird, trifft zwar ins Schwarze unserer tiefsten Sehnsüchte, ist aber letztendlich nur Schein. Aber: Hoffnung und Sehnsucht lassen sich äußerst gut verkaufen!

 

 

Ein Beispiel für unbewusste erotische Anziehung aus dem Alltag: Bereits beim ersten Anblick einer reizenden Person beginnen wir zu idealisieren. Wir unterstellen anziehenden Menschen intuitiv und unreflektiert auch einen ebensolchen Charakter. Das ist zwar ein Trugschluss, doch wir halten bereitwillig an ihm fest. Das Gefühl, einen passenden Partner vor sich zu haben, entsteht ebenso schnell. Aber bedenken Sie: die Unterschiedlichkeiten auf der charakterlichen Ebene sind massenhaft, die Abstufungen von Herzensgüte, Egoismus, Bosheit, Intellekt, die unterschiedlichen Lebensphilosophien usw. unzählbar. Machen wir uns nichts vor, werden wir erwachsen. Die wenigsten Menschen passen innerlich zu unserem eigenen Kern. Das kann jeder feststellen, der sich in seinem Freundes- und Bekanntenkreis umsieht. Wahre Seelenverwandte kann man an einer Hand abzählen. Aber auf sie kommt es an. Es ist daher sehr wichtig, sich selber zu ertappen, wenn man allzu sehr ins Schwärmen bei Unbekannten mit sexy Aussehen gerät. Man läuft sonst Gefahr, in einem Sumpf voller Gefühle zu versinken, aus dem wir erst herauskommen, wenn es zu spät sein kann.

Zusammenfassend lässt sich sagen: es bringt uns viel, wenn wir beim Flirten nicht völlig den Kopf verlieren, d.h. den Verstand nicht vernachlässigen. Partnerschaften werden im Allgemeinen viel zu schnell geschlossen. Flirten und Smalltalk halten kann man mit vielen, für eine erfolgreiche Partnerschaft aber kommen nur ganz wenige in Frage. Lassen Sie sich deshalb nicht bei jedem Techtelmechtel die rosarote Brille verpassen. Nehmen wir SCHOPENHAUERs Lebensweisheit ernst: »Gegen die innere Stimme der Natur vermag die Reflexion wenig.« Nicht ohne Grund wird übrigens Amor, dessen Hobby bekanntlich aus dem Verschießen von Liebespfeilen besteht, stets blind gezeigt.